Doping - Gedanken

Aus aktuellem Anlass

Die WM in Seefeld brachte die Sportwelt – vor allem die, des ÖSV – einmal mehr ins Wanken. Gedopte Athleten aus dem In- und Ausland, ein Arzt, der ein breites Netzwerk aufgebaut und systematisch verbotene, leistungssteigernde Maßnahmen durchführte und die Frage: „Wie kann so etwas passieren?“ beschäftigte Medien und die Öffentlichkeit Anfang März 2019.
Dabei ist die Geschichte des Dopings so alt wie der Sport selbst. Bereits in der Antike wurden Pflanzen und Kräuter verwendet, um die Leistung im Wettkampf zu verbessern (Windisch, 2009). Auch die Dunkelziffer an Dopingfällen dürfte weitaus größer sein, als die Fälle, die tatsächlich ans Licht kommen (Gähwiler, Simon & Biller-Adorno, 2017). Doch obwohl dieses Wissen weitgehend bekannt ist, sind Fälle, wie jener in Seefeld, ein Anlass für einen öffentlichen Aufschrei und eine Welle der Empörung. Anstatt jedoch in gegenseitigen Beschuldigungen und Schuldzuweisungen zu verfallen, wäre eine sachliche Diskussion und Analyse, die das Thema bei ihren Wurzeln packt, erforderlich.

Gründe für Doping

Meistens sind es mehrere Motive, die dazu führen, dass Sportlerinnen und Sportler zu verbotenen Substanzen greifen, um eine Leistungssteigerung zu erzielen. Die NADA Austria listet in ihrem Handbuch (2019) mehrere Gründe für den Griff zu Dopingmitteln auf: durch den Konsum von Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln beginnt ein schleichender Einstieg und das Gefühl der Abhängigkeit von Substanzen kann sich entwickeln. Schon in der Kindheit können Erfahrungen eine Rolle spielen (z.B. der Traubenzucker vor der Schularbeit), die sich im späteren Leben auf einer anderen Verhaltensebene weiter manifestieren. Dazu kommt die sportliche Konkurrenz, die ebenfalls zu Präperaten greifen könnte und sich somit einen Vorteil verschafft. Dann bestehen natürlich Systemzwänge, wie Bestrebungen nach sozialer Anerkennung (Ruhm) und ökonomischer Abhängigkeit (Fördergelder und Siegprämien bekommen nur die besten Athlet_innen).

Spitzensport und breite Masse

Die Prävalenzrate für Doping im Spitzensport dürfte bei 6,8% liegen, was die tatsächliche Detektionsrate von 0,81% bei weitem übersteigt (Gähwiler, Simon & Biller-Adorno, 2017). Obwohl die Dopingfälle im Leistungsport die breitere öffentliche Aufmerksamkeit genießen, dürfte Doping im Breitensport ein noch größeres Problem darstellen. Genaue Zahlen zu nennen ist auch im Breitensport schwierig. Die Zahlen dürften sich, je nach Sportart, zwischen 3 und 12,5% bewegen (Gähwiler, Simon & Biller-Adorno, 2017; Windisch, 2009).
Der gesellschaftliche Wandel und die Omnipräsenz sozialer Netzwerke hat die körperliche Optimierung und die damit verbundene Anerkennung weiter voran getrieben. Standen für das Betreiben von Sport vielleicht zu Beginn gesundheitliche Gründe im Vordergrund, so kommt es häufig zu einem Paradigmenwechsel.Ästhetische Gründe oder kognitive Leistungsoptimierung werden dann zu wichtigeren Motiven und verdrängen anfängliche Bedenken. Wie im Zeitungsinterview von Neumann (2019) betont, fällt, ironischerweise, die Gesundheit, der Leistungssteigerung durch Schmerz- oder Dopingmittel, zum Opfer. 

Mögliche Lösungsansätze

Kurz nach der WM in Seefeld wurde in einem Zeitungsartikel über die Strukturen in Österreich diskutiert (Neumann, 2019). Die fehlende Betreuung durch Mediziner_innen, Ernährungsberater_innen, Sportwissenschaftler_innen oder Sportpsycholog_innen, spielt sicher eine wesentliche Rolle, warum Doping in Österreich passiert. Sportler_innen sind in einer Umgebung von Leistungsdruck und hohen Erwartungshaltungen auf sich allein gestellt. Ohne professionelle Unterstützung und Beratung, wird vermutlich leichter zu verbotenen Substanzen gegriffen (Neumann, 2019). Jedoch ist es auch notwendig im Breitensport anzusetzen und hier Aufklärung und Sensibilisierung zu betreiben. Gähwiler, Simon & Biller-Adorno (2017) schlagen einen bottom-up Zugang vor, um das Thema Doping offen anzusprechen. Ein Diagnostikwerkzeug zur sportmedizinischen Risikoeinschätzung könnte helfen, problematische Verhaltensweisen rechtzeitig zu erkennen.

Doch nicht nur die Sportmedizin ist hier gefordert, auch die Sportpsychologie kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Hier besteht auf jeden Fall struktureller Aufholbedarf, um Athletinnen und Athleten begleiten zu können. Durch laufende Beratung können die Motive für Doping aufgedeckt, auf die Gefahren und Konsequenzen hingewiesen und mögliche Alternativen aufgezeigt werden. 

Literatur

Gähwiler, R., Simon, P., & Biller-Andorno, N. (2017). Doping im Sport–Bewusstes Desinteresse oder ethische Überforderung?. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin & Sporttraumatologie65(4).

NADA Austria (2019). Handbuch für Nachwuchs-, Breiten- und Freizeitsportler. NADA Austria. Abgerufen von https://www.nada.at/files/doc/Info-Material/Handbuch-fuer-Nachwuchs-Breiten-und-Freizeitsport_Online.pdf

Neumann, F. (2019, 3. April). Dopinggegner Lilge über Hobbyläufer: „Viele wollen lieber die Abkürzung nehmen“. Der Standard. Abgerufen von http://derstandard.at/2000100759720/Dopinggegner-Lilge-ueber-Hobbylaeufer-Viele-wollen-lieber-die-Abkuerzung-nehmen

Neumann, F. (2019, 8. März). Doping: Spritzennation statt Spitzennation. Der Standard. Abgerufen von https://derstandard.at/2000099219348/Doping-Hintergrund-Spritzennation-statt-Spitzennation

Windisch, K. (2009). Leistungsentwicklung und Doping dargestellt an ausgewählten Beispielen (Doctoral dissertation, uniwien).

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